Geschichte

Das Angleterre und die Familie Seiler

Die Familie Seiler prägte das moderne Brig und die touristische Entwicklung im Oberwallis entscheidend. Als Hauptquartier diente ihnen das Restaurant Angleterre, in dem sie den Winter verbrachten, die nächste Sommersaison planten und Personal rekrutierten.

Die Seiler-Dynastie widerspiegelt die touristische Entwicklung des Oberwallis, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte. Dampfschiffe und Eisenbahnen ermöglichten das Reisen auch aus fernen Ländern bis in die Schweizer Alpen, die wie ein Magnet auf die Städte Europas, insbesondere Englands, wirkten. Es gehörte zum guten Ton der Oberschicht, ihre Sommerferien hier zu verbringen. Die hohe Kaufkraft des britischen Pfunds ermöglichte es ihnen, den gewohnten Luxus auch in den Seiler-Betrieben zu geniessen.

Alexander Seiler der Ältere (geb. 1819), ein Bauernsohn aus Blitzingen, erkannte die Zeichen der Zeit und baute von Brig aus die nach ihm benannte Hotelkette mit Betrieben in Zermatt, Riederalp und Gletsch auf. Brig bot ihm und seinen Nachkommen gleichzeitig eine politische Basis. Hingegen die Zermatter Bevölkerung stand argwöhnisch entgegen. So verweigerte die Burgergemeinde Zermatt der Familie Seiler die Burgerrecht. Gegen den Widerstand der Zermatter sicherte sich Alexander Seiler der Ältere per Entscheid des Bundesgerichts ihr Burgerrecht.

Joseph und Hermann Seiler waren beide Stadträte von Brig. 1908 realisierte Dr. Hermann Seiler erfolgreich das erste Spital im Oberwallis.
Sein Bruder Alexander der Jüngere wie auch Dr. Hermann Seiler vertraten das Wallis im Nationalrat.

Alexander Seiler dem Jüngeren verweigerte die Burgergemeinde Zermatt das Durchfahrtsrecht zu seinem Betrieb auf der Riffelalp. Dieser entschloss sich kurzerhand, bei der Eidgenossenschaft eine Konzession für den Bau einer Eisenbahn zu beantragen. Mit der Bewilligung, gestützt auf das nationale Recht, konnte er schliesslich zwischen der Station der Gornergratbahn und seinem Hotel das höchstgelegene Tram Europas in Betrieb nehmen.
Als Nationalrat Stand Alexander Seiler der Jüngere an vorderster Front für die Lötschberglinie ein, was ihm erhebliche Kritik des offiziellen Wallis einbrachte, welches die Variante unterhalb des Wildstrubels favorisierte. Der verkehrspolitische Machtkampf endete mit dem Sieg des Lötschbergs und 1903 mit der Gründung der ältesten Fastnachtsgesellschaft des Wallis, dem Türkenbund, dessen erster Grossvezier Dr. Alexander Seiler war.
1910 zeichnete er als OK-Präsident beim Alpenflug von Geo Chavez verantwortlich und konnte dabei auf die Unterstützung seines Bruders Dr. Hermann Seiler zählen, der zeitgleich Stadtpräsident von Brig war.

Bis in die 1970er-Jahre stand das Haus in der Briger Burgschaft im Besitz der Familie; ein angrenzender, 2012 eingeweihter Platz erinnert heute noch an die Hotelier- und Politikerfamilie.

HONNI SOIT MAL YPENSE «Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.»

Es war König Eduard III. von England (1312–1377), der später den berühmten Hosenbandorden ins Leben rief, der bei einem glanzvollen Ball der Countess of Salisbury von ihr verlorenes Strumpfband vom Boden aufhob. Mit einem charmanten Spruch reichte er es ihr zurück, ein Moment, der nicht nur für Gesprächsstoff sorgte, sondern auch zur Geburtsstunde eines der prestigeträchtigsten Ritterorden Europas wurde.

„Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“ ist die Devise des Hosenbandordens, gegründet von König Eduard III. Das blaue Hosenband erscheint im britischen Wappen neben dem königlichen Motto Dieu et mon droit..

Im Jahr 1868 machte Queen Victoria Station in Gletsch, wo sie sich am Fusse der Gletscherzunge eine Tasse Tee servieren liess, ganz in britischer Tradition.
Zwar reiste sie inkognito unter dem Namen „Countess of Kent“ und kleidete sich schlicht in Schwarz, doch ihre illustre Begleitung liess kaum Zweifel an ihrer wahren Identität.

Die Reise war eine Hommage an ihren verstorbenen Ehemann, Prinz Albert, und spiegelte ihre gemeinsame Begeisterung für die Schweiz wieder. Für Victoria bedeutete der Aufenthalt eine willkommene Ablenkung von ihrer Trauer, eine Art seelische Erholung inmitten der alpinen Kulisse.
Ihre Reiseberichte dürften nicht nur ihre weitverzweigte Verwandtschaft, sondern auch zahlreiche Mitglieder des europäischen Hochadels inspiriert haben, es ihr gleichzutun. In gewisser Weise war Queen Victoria damit eine frühe Influencerin, zumindest, was den Tourismus in der Schweiz betrifft.

„Ich habe nie etwas Grandioseres gesehen als diesen Anblick des Rhonegletschers.“
Auszug aus ihrem Reisetagebuch vom August 1868.

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts bewirtschaftete die Familie Seiler in Gletsch ein Gasthaus direkt am Rhonegletscher, nur wenige Schritte entfernt vom heutigen Standort des Grandhotels Glacier du Rhône.

Kann es sein, dass deswegen beim Angleterre dieses Schild hängt?